Private Dienstleistung
15 06 2009Vorhin war sie wieder da, danach war ich um 20€ ärmer und um ein schlechtes Gewissen reicher.
Das Spiel wiederholt sich monatlich, meist gegen 11 Uhr morgens. Es klingelt. Das Gehirn initialisiert alle Systeme, die Augen öffnen sich, ich erkenne meine vertraute Umgebung. Das Gehirn bootet langsam. Ein Stichwort erscheint im Kopf: Postbote. Ich falle aus dem Bett, wanke in den Flur, drücke den Haustürknopf und horche.
Doch nichts geschieht. Das erwartete Geräusch einer dem Druck eines Paketbepackten nachgebenden Haustür ertönt nicht. Ich bin verwirrt und boote noch immer. Schaue durch den Spion, sehe den Flur. Irgendjemand scheint eine schwarze Wiese vor meiner Wohnungstür gepflanzt zu haben. Es müssen sehr hohe Gräser sein und direkt bis an die Tür reichen. Man kann die schwarzen Halme erkennen, sie bewegen sich.
Oh nein, die Nachbarin! Ich schaue kurz an mir herab, vergewissere mich genügend angezogen zu sein um einer modernen Muslima anfang 30 in die Augen blicken zu können ohne pietätlos zu wirken und öffne energisch die Tür. Sie ist es tatsächlich. Die schwarzen Haare bilden sowas wie eine Frisur, eine der eher praktischen Art. Sie werden hinten von einem Gummi zusammengehalten, manche zeigen nach oben, die meisten nach unten. Als alleinerziehende Mutter hat sie wahrscheinlich gar keine Zeit sich morgens vor dem Spiegel etwas einfallen zu lassen. Ob ich ihr erzählen sollte, dass man da, wo sie immer steht, mit der Frisur, die sie immer hat, durch den Türspion nur die obersten Haarspitzen erkennen kann und es so ausschaut als hätte dieser einen kleinen Balkon auf dem schwarze Pflanzen wachsen? Besser nicht, denn es gäbe sehr viel zu erklären, sie kann nicht gut deutsch. Und sie würde in Zukunft bestimmt darauf achten nicht mehr wie eine Wiese auszuschauen, das wäre schade.
"Sie geschlafen?" begrüßt sie mich. Ich sehe wohl aus als würd ich noch schlafen. "Hi, du, ähm ja, schlafen" kenne ihren Namen noch immer nicht. Sie hat ihn mal erwähnt, habs aber vergessen. Auf dem Schild vorne am Haus und am Briefkasten steht er bestimmt auch irgendwo, die Frage ist nur, auf welchem. Jetzt, nach über drei Monaten wäre Fragen zu peinlich. Also wähle ich das du als universelle Ansprache, sie bleibt immer beim sie, obwohl ich mich dann alt fühle. Habe ihr schon mehrfach das du angeboten, aber entweder hat sie es nie verstanden, kennt die unterschiedlichen Implikationen der Konzepte Dutzen und Sietzen nicht, oder wir haben es hier mit der Ausprägung eines tief sitzenden, traditionellen, sich dem Mann unterordnenden Frauenbildes zu tun, welches sie nicht in Frage stellen möchte oder kann. Sie wirkt immer scheu und unsicher, lächelt wenn überhaupt dann nur sehr vorsichtig und auch nur ganz kurz. Das schmeichelt mir, ich mag sie. Vielleicht ist das auch einfach nur die orientalische Art freundlich zu sein, denn ich glaube sie mag mich auch.
"Treppegeld" sagt die meisterin knapper Stichwortkonversation. "Hab ich!" rufe ich stolz im Wissen dass sich diesmal tatsächlich der gewünschte Betrag in meinem Portemonaie befindet, "Komm doch rein" füge ich noch hinzu und begebe mich auf Börsensuche. Aber sie kommt nicht rein, sie kommt nie rein, bleibt immer vor der Tür stehen. Das ist sehr komfortabel, man braucht nicht erst darüber nachdenken wie die Wohnung ausschaut und ob man sie jemandem grade zumuten kann. Das war mal anders, beim renovieren traf ich sie das erste mal auf dem Flur und stellte mich als neuer Nachbar vor. Da hat sie auch ihren Namen erwähnt, sich die Wohnung angeschaut und zum Laminat gratuliert. Am selben Abend kam sie überraschend mit einem selbstgekochten Reisgericht herunter um dem Arbeiter Kraft zu spenden und dann passierte etwas sehr seltsames: An der Tür war ich sichtlich überrascht ob des dampfenden Tellers in ihrer Hand, bedankte mich und bot sie rein. Sie folgte mir ins Wohnzimmer, entdeckte meine fensterputzende Schwester, trat sofort wieder zurück in den Türrahmen und bedauerte nichts für meine Freundin mitgebracht zu haben. Obwohl ich umgehend das Schwester/Freundin Mißverständnis auflöste blieb sie im Rahmen stehen, tat kurz angebunden und musste plötzlich weg.
Seit diesem Ereignis hat sie die Wohnung nicht mehr betreten und ich verstehe immernoch nicht was da geschehen ist: Es mag an kulturellen Feinheiten liegen über die ich unwissender Weise getrampelt bin, an der Sprachbarriere vielleicht, oder sie hat nun jedes mal unbegründete Ängste beim Betreten meiner Wohnung auf feindlich gesinnte fremde Frauen zu stoßen. Dennoch, irgendwann einmal werde ich sie mal auf einen Kaffee einladen, und mich mit ihr anfreunden. Möchte sie Fragen wo sie herkommt, wo der Vater der drei Kinder ist, wieso sie ständig etwas für die fiese Oma in der ersten Etage tut, obwohl diese sie wie ihren Besitz behandelt.
Irgendwann finde ich dann endlich das Portemonaie, fummle einen zerknitterten 20€ Schein heraus und gehe wieder zu Tür. Es ist mir peinlich ihr Geld zu geben. Normalerweise wäre das wöchentliche Treppenputzen mein Job, so stehts im Vertrag, so ist es vereinbart. Das Wischen dauert auch nicht lange, ist ruck zuck erledigt, aber ich hasse es.
Einfach bezahlen und keinen Kopf mehr drum machen. So funktioniert das im Kapitalismus. Effizienz durch Spezialisierung: Einfache Aufgabentrennung. Jeder soll tun worin er gut ist, damit Geld machen und mit dem Verdienten dann Dienstleistungen von anderen bezahlen die jeweils darin dann gut, schnell und effizient sind. Stichwort Dienstleistungsgesellschaft, hört sich doch eigentlich super an, ist schlüssig und macht Sinn. Aber ich habe Probleme damit. Mit manchen Dienstleistungen zumindest. So Sachen wie Treppenwischen, niedere Arbeiten sozusagen. Wer gibt mir das Recht zu entscheiden, dass ich dieses und jenes nicht machen möchte? Bin ich selbst die einzige Instanz? Zwinge ich mit Geld nicht jemanden dazu, etwas zu tun was er nicht will? Ich halte demjenigen ja keine Waffe vors Gesicht während er den Mop schwingt, aber vllt ist er auf das Geld angewiesen, hasst das Wischen noch mehr als ich und tut es trotzdem. Wie kann man sich sicher sein dass es nicht so ist? Und wenn man weiß dass jemand das Geld wirklich nötig hat, wäre es nicht sehr gemein ihn nicht die Treppen wischen zu lassen, nur weil man denkt er machts nicht gerne? Und überhaupt, zeugt es nicht von Dekadenz wenn man sich für gewisse, ganz normale Tätigkeiten zu fein ist? Ist es nicht sowas wie eine moralische Pflicht eines Jeden die Treppen vor seiner Wohnung selbst zu putzen? Wo zieht man denn da die Grenze? Kommt es irgendwann mal so weit dass ich mir einen persönlichen Arschabwischer leisten werde weil dieser eindeutig viel effektiver und zielgenauer wischen kann als ich selbst?
Das kann es alles irgendwie nicht sein, diese Gedanken führen zu nichts, schon der Ansatz ist völlig falsch. Niedere Arbeiten gibt es nicht, jede Tätigkeit ist gleich wichtig. Man stelle sich einmal vor, niemand würde mehr irgendwas wischen, Müll entsorgen, Klos putzen, in Kanalisationen tauchen oder Schuhe verkaufen. Die Gesellschaft würde nicht mehr funktionieren, alles bräche zusammen. Wir würden in Müll ersticken, in dunklen Fluren stolpern oder ausrutschen, das Wasser würde nicht abfließen und wir hätten immer unpassendes Schuhwerk. Niedere Arbeiten sind also essenziell für das Funktionieren des gesamten Systems. Wieso gibt es dann so große Einkommensunterschiede? Sollte ein Architekt, der gute, stabile Autobahnbrücken konstruieren kann nicht das gleiche verdienen wie die Putzfrau die schnell und sorgfältig den Flur perfekt sauber hinbekommt damit sich niemand den Hals bricht? Wäre das nicht gerecht? Ich finde schon. So funktioniert das aber leider nicht im Kapitalismus. Der Wert der Arbeit bemisst sich nicht an der Güte des Ergebnisses, sondern an der Verfügbarkeit der Ressourcen und dem Wiederverkaufswert. Es gibt wahrscheinlich nicht viele gute Brückenarchitekten, dementsprechend teuer werden diese Angeworben. Andererseits stehen auch nicht an jeder Ecke günstige, kaum gebrauchte Autobahnbrücken zum Verkauf, deswegen kann das Brückenbauunternehmen für die Fertigstellung einer Brücke entsprechend viel Geld verlangen. Potenzielle Putzfrauen hingegen gibts wie Sand am Meer, die Preise und somit der Stundenlohn ist im Keller - obwohl vernünftige Fußböden nicht weniger wichtig sind als vernünftige Autobahnbrücken. Auf beiden kann man sich verletzen oder gar sterben wenn die Verantwortlichen mist gebaut haben.
Unsere Marktwirtschaft erzeugt also automatisch höher- und niederwertige Arbeiten und somit auch meine Schuldgefühle - was für ein krankes System.
Nun stehe ich also an der Tür, übergebe die 20€ damit der Flur auch diesen Monat wieder glänzt, bedanke und entschuldige mich mehrfach für die Mühen und Umstände die ich bereite. Sie lächelt nur scheu und kurz, winkt ab und geht. Ich weiß es ist falsch, ein Verweis auf das Wirtschaftssystem darf keine Entschuldigung für unmoralisches Handeln des Einzelnen sein, aber dennoch habe ichs getan. Ach egal, ab ins Bett.
Kategorien : Leben
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