Echte Menschen

21 05 2009

Es gibt eine Spezies, fast jeder kennt sie, man hat Tag ein, Tag aus mit ihr zu tun - echte Menschen.

Früher, als bekanntlich alles noch besser war, gab es ausschliesslich echte Menschen.


Man wird in eine Familie hinein geboren, hat Mutter, Vater, vielleicht Geschwister, daneben Großeltern und den Rest der Verwandschaft. Das Kind wird Teil eines sozialen Netzwerks und lernt die Regeln die dort gelten. Nicht frech sein zur Mutti, denn sie ist die Chefin. Nicht frech sein zu Tante, wenn Mutti das sagt. Die kleine Schwester kann man ärgern - wenn man sich dabei nicht erwischen lässt. Die Regeln der Eltern werden zu Strukturen, das Kind erkennt schnell eine Hierarchie.


Der kleine Mensch wird selbstständiger, fängt selbst an Kontakte zu knüpfen, ob vor dem Haus, im Sandkasten oder Kindergarten, er lernt ständig Mitmenschen kennen, muss diese zunehmend selbst in sein soziales Netzwerk einfügen und ihnen eine Stufe in seiner eigenen Gesellschaftshierarchie zuweisen. Das funktioniert zu Anfang ganz gut über Körpermaße, es gibt "die Großen", auf die man lieber hören sollte, "die Größeren" Kinder, die mit einem nicht spielen wollen und auf die man auch nicht hören braucht und im Zweifelsfall zu den Großen laufen kann um sich zu beschweren. Dann gibt es die Gleichaltrigen, "die gleich Großen" auf Augenhöhe als potenzieller Freundeskreis und schliesslich "die Kleinen", mit denen man natürlich nichts zu tun haben will, die man verscheuchen und ärgern kann - weil man selbstverständlich über ihnen steht.


In diesem System wächst das Kind heran, erweitert sein soziales Netz und passt die Hierarchie ständig an sich selbst und seine Umwelt an. Die Verknüpfungen und Abstufungen werden komplexer, fliessender, das diskrete Kriterium der Körpermaße zunehmend irrelevant, Autorität bemisst sich an der gesellschaftlichen Funktion der Person: der Lehrer, der Polizist, der Arbeitgeber, der Coole, der Loser, der Idiot, der Freund, der Feind, der Fremde.


Im laufe der Zeit lernt man die Hierarchie zu manipulieren, hat Ziele vor Augen, die es zu erreichen gilt. Der Mensch will nicht mehr ausschliesslich Einfluß auf das eigene soziale Netz ausüben, er entwickelt Vorstellungen davon, an welcher Position er in den Netzen der anderen stehen will. Möchte er jemandem nahe sein, diesen als Freund definieren, so geht das nur wenn er es schafft seine eigene Postion im Netz des anderen ebenfalls vom Niveau des Bekannten auf das des Freundes anzuheben. Ist er beruflich nicht ausgelastet, will mehr Verantwortung übernehmen, muss er es schaffen in den Augen seiner Vorgesetzten und Mitarbeiter den Stereotyp der leistungsbereiten Führungspersönlichkeit einzunehmen.


Für all diese Ziele hat der reale Mensch nur ein Werkzeug: Seinen Körper. Er kleidet sich passend, um das gewünschte Bild von sich nach Aussen zu transportieren, benimmt sich entsprechend und hofft dass es bei den Mitmenschen richtig aufgenommen wird. Um den Eindruck von Kompetenz zu erzeugen, genügt es nicht kompetent zu sein, man muss in erster Linie nur kompetent wirken. Ist man verliebt, reicht es nicht einfach zu lieben, man muss beim Gegenüber den Eindruck erzeugen, liebenswert zu sein, also es wert zu sein, geliebt zu werden. Es geht in der realen Gesellschaft deswegen gar nicht darum wie der Mensch ist, was er zu leisten vermag, was seine Schwächen und Stärken sind, viel entscheidender ist, wie er sich gibt, welches Bild er in den Köpfen der Anderen erzeugt und wie er in ihren sozialen Netzen eingeordnet wird. 


Doch sind der Entfaltung gewisse Grenzen gesetzt, eine Anzahl natürlicher Restriktionen in denen man gefangen ist.  Der Grund ist der Körper, ein mehr oder weniger zufällig aus der elterlichen DNS generierter Avatar, in dem der menschliche Geist zur Welt kommt, und ein Leben lang gefangen bleibt. Dieser determiniert bereits viele Parameter, die weitgehend unveränderlich bleiben: z.B. das Geschlecht, Körperbau, Stimme, Mimik oder Gestik. Das familiäre Millieu, in dem der Mensch zur Welt kommt und seine ersten Lebensjahre verbringt, prägt ebenfalls seine späteren Handlungsmuster und ihre Aussenwirkung. Der Avatar kann beeinflußt werden, man kann ihn trainieren, pflegen oder zerstören, man kann ihn frisieren, anziehen, anmalen, jedoch nicht wechseln, austauschen oder grundlegend verändern. Er ist inhärent mit dem Geist verbunden, wenn einer stirbt, so auch der andere.


Diese Äußerlichkeiten beeinflussen das gesamte Leben des Menschen und erzeugen durch ihre bloße Existenz bereits eine gewisse natürliche Rangordnung in  sozialen Netzwerken.  So bekommen Menschen, die optisch dem Selbstbild einer Person entsprechen, von dieser meistens direkt einen gewissen Vertrautheitsvorschuss, werden also initial näher am Zentrum des eigenen sozialen Netzes eingeordnet, der Weg zur Freundschaft ist somit von vorn herein kürzer, unabhängig davon wie die Person handelt und sich benimmt. Umgekehrtes gilt ebenfalls, ähnelt die Person einem Feind, wird sie höchstwahrscheinlich erst einmal in dessen Nähe einsortiert. Ein grundlegendes Merkmal ist das Geschlecht, weil sehr offensichtlich und kaum zu kaschieren, ist es meist mit einer ellenlangen Liste aus persönlichen Erfahrungen und Stereotypen besetzt.


Der reale Avatar des Menschen beschränkt ihn also in der Entfaltung, er behindert seine Mobilität in den sozialen Netzwerken seiner Mitmenschen. Ist ein weitgehend unbeeinflussbarer, äusserer Faktor, obwohl er gleichzeitig untrennbar zum jeweiligen Menschen gehört. Er kann bestimmte Wege erschweren oder versperren, andere hingegen fördern oder überhaupt erst gangbar machen.


Der echte Mensch ist nicht frei, er muss sich arrangieren.




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