Virtuelle Menschen
21 05 2009Es gibt eine Spezies, fast jeder kennt sie, man hat Tag ein, Tag aus mit ihr zu tun - virtuelle Menschen.
Es gibt rund 1,5 Milliarden von ihnen. Sie sind den echten Menschen sehr ähnlich und bevölkern ein Land namens Word Wide Web.
Sie haben sich riesige Städte gebaut, diese heissen Facebook, mySpace oder StudiVZ. Manch einer mags einsam, lebt auf einer Insel, nennt diese dann Homepage oder Blog. Viele sind Reisende, haben Wohnungen und Inseln, oder überhaupt kein festes Heim. Wie bei sozialen Wesen üblich dreht sich auch dort alles um Kommunikation. Sie reden per Messenger, Chat oder Email, treffen sich, spielen, lachen und streiten.
Doch woher kommen diese Wesen eigentlich? Was wollen sie hier? Was treibt sie an und wo wollen sie hin?
Im Gegensatz zu echten Menschen haben sie sich von dem üblichen Reproduktionsprozess, an dem 2 Geschlechter beteiligt sind, weitgehend gelöst. Jedes mal wenn ein echter Mensch ins Internet eintaucht, die starren Regeln der alten Medien vergisst, sich nicht nur auf den Konsum beschränkt sondern sich zum ersten mal mit Anderen austauscht, Inhalt produziert, seine Meinung sagt, Daten nicht nur empfängt sondern auch sendet, wird ein neuer virtueller Mensch geboren.
Er wächst schnell auf, lernt die Grundregeln kennen, fängt an die Welt um sich herum zu erforschen, lässt sich mal hier, mal da nieder und partizipiert woran er mag. Er streift durch die großen, weltumspannenden Städte, trifft Menschen wie ihn, freundet sich an. Besucht sie in ihren eigenen Häusern, betrachtet die Einrichtung, lässt manchmal was da.
Und irgendwann erkennt er das wahre Wesen dieser Welt: Raum, Zeit, Besitz - bedeutungslos. Alles ist formbar, alles flexibel. Er hat die Freiheit alles zu tun, erkennt die Fesseln der alten Gesellschaft: Alter, Geschlecht, soziale Herkunft, Wohnort, Beruf, das zählt hier nicht. Die Fesseln fallen, sein Geist kann sie sprengen, er ist motiviert und baut sein Haus. Er sieht aus wie er möchte, tut was er will - genießt die Freiheit, ist Kreativ. Bündelt mit Gleichgesinnten die Kräfte, sie stemmen großes, feiern Erfolge.
Machmal jedoch, da muss er zurück, in die Welt aus der er kam. Schaut sich dort um, sieht die alten Strukturen, fühlt sich behindert und eingeschränkt. Er versucht das zu ändern, spricht mit den Menschen, erzählt von den Wundern seiner Welt. Doch viele verstehen ihn nicht, sie verstehen es nicht, sie verstehen einfach nicht.
Er fasst den Entschluss den Spiess umzudrehen, wendet sich von den Ignoranten ab. Er setzt ein Zeichen, überzieht sich mit Hyperlack, taucht in seine Netzwelt, ruft alle Freunde und lädt sie ein. Das Haus wird der Stützpunkt, die Kommandozentrale, der Startpunkt des Angriffs auf die alte Welt. Sie wissen genau, sie sind die Zukunft, die alte Gesellschaft nur ein Auslaufmodell.
Die Ziele sind klar: Freies Wissen, freie Kultur, Gleichheit, Redefreiheit, Gerechtigkeit. Sie infiltrieren, und sie sind viele, werden jeden Tag mehr, weltweit vernetzt. Es geht bald los.
Kategorien : Leben
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